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Referenzen und Abbildungen finden sich im Buch.
Ultra-Reizstrom nach Träbert (UR, 2–5 Strom)
Im Jahre 1957 publizierte der Arzt H. Träbert seine Erfahrungen mit einer Stromform mit 2 ms Phasendauer und 5 ms Phasenintervall (Abb. 4.10, oben). Damit ergab sich eine Frequenz von etwa 143 Hz (F=1000/R+T = 1000/2+5 = 1000/7 = 143 Hz). Achtung: Millisekunden, nicht Mikro. Und monophasisch, also nichtkompensiert.
Der Strom ist als schmerzlindernde Maßnahme in gewissen Fällen sehr effektiv und die Parameter lassen sich, falls nicht bereits vorprogrammiert, an den meisten Elektrotherapiegeräten bequem einstellen; deshalb wurde die Methode recht bekannt.
Diese Stromform hat, verglichen mit den im Nachfolgenden besprochenen Diadynamischen Strömen, einen erheblich geringeren Gleichstromanteil, wodurch die Verätzungsgefahr deutlich kleiner ist. Aus dem gleichen Grund würde man ein weniger ausgeprägtes Erythem erwarten. Der Strom ist aber deutlich angenehmer als DD und man kann (und soll!) deshalb die Intensität viel höher einstellen. Bei lumbaler Anwendung sind Einstellungen bis 70–80 mA bei Elektrodengrößen von 8 × 12 cm keine Seltenheit! Aus diesem Grund kommt es bei einer UR-Anwendung trotz des geringen Gleichstromanteils normalerweise zu einer sehr ausgeprägten Erythembildung.
Bei dieser Stromform tritt fast immer sehr rasch eine Gewöhnung ein. Deshalb muss die Intensität während der Behandlung dauernd nachgeregelt werden.
Der Patient soll ein deutliches Druckgefühl wahrnehmen, ein eventuelles, nicht zu kräftiges Muskelanspannen („Wogen“) ist wegen der detonisierenden Wirkung erwünscht. Möglicherweise werden hierdurch zusätzlich tiefe Aδ-Fasern gereizt und tritt eine mit Low TENS vergleichbare Wirkung auf.
Als Variante des UR nach Träbert gibt es den modifizierten UR mit unipolaren Rechteckimpulsen von 0,5 ms Phasendauer und 5 ms Phasenintervall (Frequenz 182 Hz). Die kürzeren Impulse reizen die Schmerzfasern der Haut weniger, und werden als angenehmer empfunden. Die Hyperämie und damit der Einfluss auf eine neurogene Entzündung sind wegen der deutlich kürzeren Phasendauer entsprechend weniger stark ausgeprägt, das typische Druckgefühl tritt weniger stark auf. Kollegen berichten von der besseren Wirksamkeit der 2–5 Form, dies entspricht auch der Erfahrung des Autors. Studien dazu gibt es nicht.
Bei der Ausführung ist Folgendes zu beachten.
• Es werden meist 2 gleich große, gut unterpolsterte Elektroden benutzt. Die Elektrodengröße beträgt zwischen 3 × 4 cm (HWS) bis 8 × 12 cm (LWS).
• Die Elektroden sollen etwa 3 cm Abstand voneinander haben. An der Wirbelsäule werden die Elektroden meist kranio-kaudal platziert, an den peripheren Gelenken werden die Elektroden ventro-dorsal oder medio-lateral platziert.
• Die Kathode, die differente Elektrode, liegt auf der schmerzhaftesten Stelle. Bei EL4 empfiehlt Träbert, die Kathode distal anzulegen.
• Die Behandlung sollte täglich erfolgen. Wenn nach 3 bis maximal 6 Anwendungen keine Besserung eintritt, ist eine andere Methode einzusetzen. Wenn die Methode Erfolg hat, genügen meistens Serien von 6 Sitzungen.
• Anwendungen an der HWS und BWS werden wegen der benötigten hohen Intensität oft als (sehr) unangenehm empfunden. Deshalb wird die Methode vor allem an der LWS eingesetzt (Evidenzstufe IV und V).
• Beim ersten Hochdrehen des Stromes verspürt der Patient ein leichtes Kribbeln (wahrscheinlich Aβ, siehe MacKenzie et al. 1975; Beissner et al. 2010), danach ein Prickeln (wahrscheinlich Aδ) unter den Elektroden, meistens zuerst unter der Kathode, weil diese am stärksten reizt. Es ist aber auch von der Lokalisation bzw. der Hautempfindlichkeit abhängig.
• Dann wird die Intensität weiter relativ rasch, doch behutsam erhöht und, nachdem das Kribbeln oder Prickeln stärker geworden ist, tritt meistens ein Brennen auf. Dies ist ein normales C-Faser-Brennen und deutet normalerweise nicht auf eine Schädigung hin. Beim weiteren Hochfahren verspürt der Patient anstelle des Brennens einen Druck oder ein eigenartiges Vibrieren („Surren, Brummen“), welches das Brennen überlagert. Es können leichte bis mäßig starke Muskelkontraktionen auftreten, diese sind erwünscht, starke Dauerkontraktionen jedoch nicht.
Wenn das Brennen punktuell auftritt, kann es sich um eine kleine Hautveränderung, Pustel, handeln. Solche sind mit Vaseline oder Lippenpomade abzudecken. Das Problem dabei ist, dass dazu die Intensität heruntergeregelt werden muss und man danach die Behandlung neu einleitet. Erfahrungsgemäß ist es dann meistens unmöglich, das gewünschte Druckgefühl zu erzeugen. Es ist in diesem Fall besser die Behandlung abzubrechen.
• Bei einer lumbalen Anwendung kann der Patient das Empfinden haben, dass ihm jemand sehr kräftig auf den Rücken drückt. Da sitzt 'n Elephant drauf
. Dieses Druckgefühl lässt rasch nach, eventuell bereits in der ersten Minute. Jetzt muss der Strom vorsichtig nachgeregelt werden, häufig nur um 1 mA, bis das typische Druckgefühl wieder auftritt. Achtung bei Geräten, welche kein stufenloses Nachregeln erlauben! Die kleinen Intensitätssprünge können sehr unangenehm sein.
• Meistens muss der Strom nur während der ersten 7–8 Minuten nachgeregelt werden, danach bleibt das Druckgefühl meistens konstant. Behandelt wird etwa 15 Minuten lang. Wenn trotz korrekter Anwendung kein Druckgefühl auftritt oder wenn das Brennen zu stark im Vordergrund bleibt, so ist die Behandlung abzubrechen.
Vorher bestehende Schmerzen sind häufig schlagartig verschwunden. Die Schmerzlinderung kann einige Stunden anhalten, später können die Schmerzen, allerdings abgeschwächt, wieder zurückkehren (Long Term Depression?).
Aus dieser Beschreibung wird klar, dass die Information am Patienten bzw. seine Rückmeldung von größter Bedeutung für eine erfolgreiche Behandlung ist. Die Behandlung ist für ängstliche Patienten oder Patienten mit Kommunikationsproblemen absolut nicht geeignet. Auch ist klar, dass der Therapeut beim Patienten bleiben muss, um den Strom dauernd hochzuregeln. Geeignete Patienten kann man mit der Zeit instruieren dies selbst zu machen.
Die Schmerzlinderung kann über die Gate-Control-Theorie erklärt werden, das Druckgefühl deutet auf eine Beteiligung der Aβ-Fasern hin, möglicherweise werden mit den hohen Intensitäten die Druckrezeptoren sogar selbst stimuliert. Zudem spielt die Long Term Depression wahrscheinlich mit. Wegen der relativ starken Erythembildung ist, wie bei DD-Strom, eine Wirkung auf den TRPV1-Rezeptor durchaus plausibel.
Anmerkungen zum Ultra-Reizstrom
Ultrareiz ist genaugenommen eine TENS-Anwendung, und zwar eine monophasische Variante der High TENS oder der High Frequency High Intensity TENS (Hifi-TENS). Der Gleichstromanteil beträgt bei UR etwa 30 % einer kontinuierlichen Gleichstromanwendung, also Achtung Verätzungsgefahr!
Interessanterweise verspürt man bei den erwähnten TENS-Formen das typische Druckgefühl, das bei UR auftritt nicht. Man hat eine sehr gute Wirkung bei akuten lumbalen Schmerzen und interessanterweise bei Arthroseschmerzen am Knie festgestellt (Evidenzstufe V).
Möglicherweise tritt, wie bei DD, eine Defunktionalisierung der am Entzündungsprozess beteiligten Nervenfasern auf.
Die Anwendung ist nur dann sinnvoll, wenn die Kommunikation mit dem Patienten klappt. Wenn die Rückmeldung sich beschränkt auf „Jaja, ist schon gut … passt schon“, wird der Erfolg nicht überwältigend sein.
Anmerkung: Es gibt zur Ultrareiz-Anwendung keine spezifischen wissenschaftlichen Studien. Die Wirkung der Anwendung wird aber durch Untersuchungen über TENS bestätigt.
Geheimtipp: Falls man mal selbst vom Hexen geschossen wurde, ist die UR Anwendung sehr zur Selbstbehandlung geeignet. Elektroden auf 'n Behandlungstisch platzieren (Plastik drunter), Gerät gut erreichbar nebendran, sich auf den Elektroden drauf legen (Lokalisierung überprüfen) und hoch drehen. Weiter wie oben beschrieben. Tataaa.