Kaada-Stimulation

Die Kaada-Stimulation ist eine acupuncture-like (AL-) TENS-Behandlung, bei der unabhängig von der Schmerzdiagnose immer der gleiche Reizpunkt an der Hand stimuliert wird: der Akupunkturpunkt Di4 (Dickdarm 4, Englisch Li4 = large intenstine) auch Hegu genannt.
Der Punkt ist ebenfalls der Triggerpunkt für den ersten M. interosseus.

Die Kathode kommt dorsal auf der Hand auf Di4 zwischen Metacarpale I und II, die Anode an der ulnaren Handkante gegenüber. Hier liegen übrigens Dü 4, -5 und -6 über dem N. ulnaris aber die sind in diesem Falle nicht relevant für die Behandlung. Oft wird die Anode auf den Handrücken zwischen den Metacarpalia III und IV gelegt.

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Diese Stimulation führt zum allgemeinen Anheben der Schmerzschwelle und bewirkt eine signifikante Durchblutungsförderung in den unteren Extremitäten (Kaada 1982, Kaada und Eielsen 1983, Kaada und Melesse 1988, Kaada et al 1989). Di4 ist in der traditionellen Chinesischen Medizin einen der wichtigsten schmerzlindernden Aku-Punkten (Stux et al 2003) und es gibt fast keine Akupunkturbehandlung wobei Hegu nicht stimuliert wird.

Kaada benutzte

  • Low-frequency-TENS mit kompensierten Rechteckimpulse, Phasendauer 200 µs, Frequenz 2 Hz bis 5 Hz (Einzelimpulse) und
  • AP-TENS mit 2 Hz Bursts, interne Burstfrequenz 100 Hz (5 Impulse pro Burst, Phasendauer 200 µs).

Die Intensität ist nicht-schmerzhaft motorisch schwellig, konkret 20 bis 40 mA bei üblichen Elektrodengrößen (12 cm², Leitgummi, Ankopplung mit Gel). Die Intensität entspricht 2-4 T (sensorisch). Die Anwendung wird deutlich angenehmer, wenn die Kathode kleiner ist als die Anode. Klebeelektroden können zugeschnitten werden, man muss bloß aufpassen dass man keine relevante Kabel abschnippt. Zur Erinnerung: meistens ist die Kathode schwarz und die Anode rot. Eselsbrücke: schwarze Katze.

Bei symmetrisch kompensierten Impulsen ist die Polarität egal, man richte sich nach dem Patienten.

Traditionell wird die Behandlung an der dominanten Hand duchgeführt, zur Not geht die andere Seite auch.

Die Intensität muss im Falle einer Adaptation, wenn die Kontraktionen schwächer werden, nachreguliert werden. Die Behandlungen werden bis zu drei Mal täglich ausgeführt und dauern 30 bis 45 Minuten. Kaada erwähnt nicht, ob die unterschiedliche Anwendungen zu anderen Ergebnissen führten.

Erfolgreich behandelt werden Schmerzzustände jeglicher Art, Durchblutungsstörungen (M. Raynaud, CRPS I), diabetische Neuropathien, schlecht heilende Wunden und Ulcera (Lepra) und sogar zum Beispiel Tinnitus und Peritendinitis calcarea, siehe dazu die Literatur.

Kaada erklärt die Wirkung seiner Methode wie folgt:

  • Zentrale Hemmung des Sympathikus. Kaada hat nachgewiesen, dass die Vasodilatation durch Gabe eines Serotonin-Antagonisten (Cyproheptadine) und nicht durch, allerdings niedrig dosierte, Gabe eines Opioid-Antagonisten (Naloxone) aufgehoben wird.
  • Freisetzung von VIP (Vasoactive Intestinal Polypeptide, wirkt vasodilatierend, stimuliert cAMP Bildung, verbessert die Bindung von Serotonin an dessen Rezeptoren).
  • Freisetzung von ACTH. Wenn ACTH freigesetzt wird, müssen auch β-Endorphine produziert werden. Beide Stoffe haben den gleichen Precursor: Pro-opiomelanocortine = POMC.

Bei Messungen an einer kalten 5. Zehe (24°C) bei Patienten mit M. Raynaud konnte Kaada Temperaturanstiege von bis zu 10°C feststellen. Diese Temperaturzunahme dauerte bis zu 4 Stunden an und nahm danach rasch, etwa innerhalb einer Stunde, wieder ab. Während dieser Zeit waren die Schmerzen der Patienten deutlich reduziert. Die Temperatur an Körperstellen mit normaler Temperatur (Stirn) stieg nur geringfügig an (0.5°C bis 2°C).

Kaada hat gezeigt, dass seine Stimulation erfolgreich für eine Vielzahl von Probleme eingesetzt werden kann, und zwar bei verschiedenen Schmerzsyndromen der oberen Extremitäten (Zervikobrachialgien, CRPS, Schulter-Arm Syndrom, Tennisellbogen, Tendinitis calcarea, postoperativen Schmerzen u.v.m.) und bei Problemen die mit Durchblutungstörungen an den Extremitäten einhergehen (Raynaud, CRPS, vegetative Begleiterscheinungen bei Schmerzsyndromen, postoperative und postraumatische Schwellung).

Es gibt anekdotische Evidenz von Kursteilnehmer über gute Ergebnisse bei Kopfweh-Patienten, Hand-Patienten mit einer postoperativen Kälteintoleranz, Patienten nach Kieferchirugie, Thoraxchirurgie und bei Patientinnen nach einer Mastektomie.

Die Behandlung ist sehr einfach anzuwenden und kann gut durchgeführt werden wenn der Patient zum Beispiel nach einer Schulteroperation gut eingepackt ist.

Wenn biphasische, kompensierte Impulse zur Anwendung kommen, ist Metall im Behandlungsfeld eine relative Kontraindikation, wenn der Patient unangenehme Sensationen verspürt. Die Patienten sollten gut überwacht werden.

Bei Schrittmacher-Patienten und solche mit einem implantierten Defibrillator (ICD) ist allerdings Vorsicht geboten, da diese Geräte auf TENS-Behandlung an den oberen Extremitäten reagieren können.

Die Stimulation ist mit jedem anständigen TENS-Gerät durchführbar.

Die Han-Stimulation (= Dense-Disperse Stimulation, DD TENS)

(Bilder mit freundlicher Genehmigung von Prof. JS Han.)

Manchmal wird die Bezeichnung „2/100 Hz EAS Stimulation“ benutzt (Wang et al 2005). „Mixed Frequency Stimulation“ taucht auch ab und zu auf, diese Bezeichnung ist aber sehr verwirrend da manche Hersteller diesbezüglich ihre eigene Interpretation haben.

Die Methode wurde von Prof. Ji-Sheng Han und seiner Forschergruppe am Neuroscience Research Institute der Pekinger Universität entwickelt (Han et al 1991, 2002, 2003, Wang et al 2004). Die Han-Stimulation kombiniert die Wirkungen von High-TENS und Low-TENS.
Bei dieser Art der Stimulation wechseln sich im 3-Sekundentakt eine 100 Hz und eine 2 Hz Stimulation abrupt ab. Auf diese Weise werden die Wirkungen des High TENS und Low TENS kombiniert und es wird eine ausgeprägtere Schmerzlinderung erreicht.
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Bei dieser Methode werden, wie bei AP-TENS, mit normalen Elektroden Akupunkturpunkte stimuliert. Wenn solche Akupunkturpunkte sich zufällig an der selben Lokalisation befinden wie Muskelreizzonen, Nervenreizpunkten oder Tender Points soll das einem nicht vom Einsatz abhalten.
Nebenbei: an einer Stelle mit Low TENS und gleichzeitig an einer anderen Stelle mit High TENS behandeln führt nicht zum gleichen Ergebnis. Sehr wahrscheinlich weil dann „zentral“ 102 Hz ankommt und dies nicht die erwünschte differentierte Reaktion auslöst (Wang 2005).

Wenn mit High-Tens stimuliert wird, wird Dynorphin freigesetzt welches die κ-Opioidrezeptoren besetzt und Met-Enkephalin, das an δ-Opioid Rezeptoren andockt. Die Stimulation mit Low-Tens setzt Endomorphin (besetzt die µ-Opioidrezeptoren) und β-Endorphin frei (besetzt ebenfalls die µ-Opioidrezeptoren). Damit wären alle bisher bekannte Opioidrezeptoren besetzt.

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Wenn diese Stimulationen sich nun im 3 Sekunden Rhythmus abwechseln kommt es zu einer Überlappung dieser zwei Wirkungen, Han spricht von einer Synergie. Wenn sich die 2 Tens-Arten in einem langsameren Rhythmus abwechseln, zum Beispiel alle 6 Sekunden, wird diese Überlappung reduziert und wird die Methode weniger effektiv.

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  • Hamza et al (1999) haben 100 Frauen nach gynäkologischen Eingriffen in 4 Gruppen verteilt: Plazebo-, Low-, High- und DD-TENS. Die DD-TENS Gruppe benötigte postoperativ 50% weniger Schmerzmittel als die Plazebo-Gruppe. Low und High TENS deren 30%. Außerdem traten bei den drei verum TENS-Gruppen weniger Übelkeit und Schwindel auf. Die Elektroden wurden lokal appliziert: bei einem vertikalen Schnitt links und rechts der Wunde je 2 Elektroden, bei einem horizontalen Schnitt je 2 proximal und distal der Wunde, also ohne Berücksichtigung irgendwelcher Aku-Punkte. Parameter: Elektrodengröße 5x5 cm, Phasendauer: Spektrum von 200 µs bis 600 µs, Dauer 30 Min, Anwendung alle 2 Stunden oder mit längeren Unterbrüchen, Intensität: Toleranzgrenze. Etwa 20% der Patientinnen beklagte sich über Schlafprobleme wegen den Kabeln, 75% der verum Patientinnen wären bereit gewesen zusätzlich für die Behandlung zu bezahlen.
  • Tong et al (2007) verglichen an gesunden Probanden High TENS, DD TENS mit einer Plazebogruppe. Sie stellten fest, dass High TENS (100 Hz) die Empfindlichkeit für einen Hitzeschmerz reduzierte, DD TENS dies tat für sowohl einen Hitzeschmerzreiz als einen Druckschmerzreiz. Dies kombiniert mit dem Ergebnis von DeSantana (der vom reduzierten Toleranzverhalten, 2008) sollte Grund genug sein sich ernsthaft mit Dense Disperse TENS auseinander zu setzen.

Die Han-Stimulation ist nicht standard in den meisten in Europa erhältlichen TENS Geräte programmiert. Google ist dein Freund.


  • Hamza MA, White PF, Ahmed HE, Ghoname EA (1999) Effect of the frequency of transcutaneous electrical nerve stimulation on the postoperative opioid analgesic requirement and recovery profile. Anesthesiology 91(5):1232-1238
  • Han JS, Chen XH, Sun SL, Xu XJ, Yuan Y, Yan SC, Hao JX, Terenius L (1991) Effect of Low- and High-Frequency TENS on Met-Enkephalin-Arg-Phe and Dynorphin A Immunoreactivity in Human Lumbar CSF. Pain 47(3):295-8
  • Kaada B (1982) Vasodilation Induced by Transcutaneous Stimulation in Peripheral Ischemia (Raynaud‘s Phenomenon and Diabetic Polyneuropathy). Eur Heart Journ 3(4):303-314
  • Kaada B, Eielsen O (1983) In Search of Mediators of Skin Vasodilation Induced by Transcutaneous Nerve Stimulation: II. Serotonin Implicated. Gen Pharmacol 14(6):635-41
  • Kaada B, Hognestad S, Havstad J (1989) Transcutaneous nerve stimulation (TNS) in tinnitus. Scand Audiol 18(4):211-7
  • Kaada B, Melesse W (1988) Promoted Healing of Leprous Ulcers by Transcutaneous Nerve Stimulation. Acupuncture & Electro-Therapeutics Research 13(4):165-176
  • Tong KC, Lo SK, Cheing GL (2007) Alternating Frequencies of Transcutaneous Electric Nerve Stimulation: Does it Produce Greater Analgesic Effects on Mechanical and Thermal Pain Thresholds? Arch Phys Med Rehabil 88(10):1344–1349
  • Stux G, Berman B, Pomeranz B (2003) Basics of Acupuncture. 5th rev. ed. ISBN 3-540-44273 Springer Verlag Berlin Heidelberg
  • Wang Y, Zhang Y, Wang W, Cao Y, Han JS (2005) Effects of synchronous or asynchronous electroacupuncture stimulation with low versus high frequency on spinal opioid release and tail flick nociception. Exp Neurol 192(1):156-162

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