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DF-LP-CP

Für die von Bernard und seinen Nachfolgern beschriebenen Rezepte wie „so viele Minuten DF, umpolen, nochmals so viele Minuten und so weiter“ gibt es keine Belege und keine sinnvolle physiologische Begründung. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass mit der Anwendung Aβ-, Aδ- und C-Fasern gereizt werden, mit allen beschriebenen Konsequenzen. Wenn man DD nach moderneren Einsichten einsetzen möchte, kann man dies auf zwei Weisen machen.

• Man kann die Anwendung als Alternative zum Gleichstrom benutzen und bei den betreffenden Nervenfasern eine Neuropeptid-Entspeicherung forcieren und deren Defunktionalisierung bewirken.

DF hat im Vergleich zum „normalen“ Gleichstrom den größten Gleichstromanteil (70 %), ist also zu diesem Zweck am effektivsten. Man bestimmt die sensorische Schwelle, halbiert diese oder geht etwas unter diese Schwelle und behandelt während 20 bis 30 Minuten. Da der Gleichstromanteil 70 % eines normalen Gleichstroms beträgt, muss man die Behandlungsdauer um etwa Zweidrittel verlängern, deshalb also bis zu 30 Minuten. Man macht weiter, wie unter Gleichstrom beschrieben.

• Die zweite Methode basiert darauf, dass man mit einer Stimulation von Aβ-, Aδ- und C-Fasern gleich mehrere Schmerzhemmungsmechanismen aktiviert. Dass man zudem eine Neuropeptid-Entspeicherung provoziert, ist ein nützlicher Nebeneffekt. Man setzt dazu die nachfolgende Methode ein:

Durchführung

• Als erste, weil mildeste Stromform wählt man den DF. Das Hochregeln erfolgt, bis der Patient ein deutliches Vibrieren wahrnimmt (Beteiligung Aß-Fasern). Manche Patienten beschreiben dies als „Schraubstockgefühl“. Patienten meinen manchmal, dass die Elektrode verrutscht. Bevor das Vibrieren auftritt, verspürt der Patient meistens ein C-Faser-Brennen. Dies verschwindet meistens schlagartig, sobald das Vibrieren wahrgenommen wird.

• Wenn sich der Patient an den Strom gewöhnt hat, also wenn eine Adaptation auftritt, hat man zwei Optionen. Man kann die Intensität etwas erhöhen, bis sich das Druckgefühl wieder einstellt. Dies würde man bei einer TENS-Anwendung machen und ist auch in diesem Fall möglich. Manche Kollegen machen dies 1- bis 2-mal, wenn ein Patient sich sehr rasch an den Strom gewöhnt, statt gleich die Modulation zu wechseln. Der Nachteil einer mehrmaligen Erhöhung der Intensität ist aber, dass beim DD-Strom die Gefahr einer Verätzung besteht und je höher man aufdreht, umso größer wird diese Gefahr.

Man hat aber beim DD verschiedene Modulationen zur Verfügung, womit man eine Adaptation verhindern kann. Deshalb dreht man den Strom, nach eventuell 1- bis 2-mal hochgeregelt zu haben, runter und schaltet den etwas weniger milden LP ein. Es wird wieder hochgeregelt, bis ein wechselndes Vibrationsgefühl auftritt. Die notwendige Intensität liegt in der Regel nur 1 bis 2 mA über der vorher benutzten Einstellung. Wenn sich auch hier nach einiger Zeit das Stromgefühl ändert, wird als letzte Modulation die CP benutzt.

• Die Anwendung dauert traditionell etwa 15 Minuten, darf aber durchaus länger dauern.

• Die MF und RS sind für Schmerzbehandlungen eindeutig zu unangenehm.

Ziel dieser Methode ist es, die Adaptation zu umgehen, ohne die Intensität, wie beim Ultra-Reizstrom, stark erhöhen zu müssen. Die Modulationen haben keine unterschiedliche Wirkung, die Abfolge soll lediglich eine Adaptation verhindern.

Die Schmerzlinderung lässt sich einerseits mit der Gate-Control-Theorie über die Stimulation von Aβ-Fasern erklären. Andererseits wird die Stimulation der Aδ- und C-Fasern sehr wahrscheinlich eine deszendierende und zentrale Schmerzhemmung aktivieren. Lokal kann eine Capsaicin-artige Wirkung angenommen werden, mit einer Desensibilisierung und reversiblen Zerstörung der beteiligten Nerventerminalen.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass Bernard in seiner Aufzählung von Fallbeschreibungen einige Diagnosen erwähnt, bei denen manche Autoren heute eine neurogene Entzündung im Hintergrund vermuten (Herbert und Holzer 2002a, b): Neuralgien, PHS, Epikondylitis u. Ä.

Basisstrom

Ein großer Kritikpunkt betrifft den Einsatz des Basisstromes. Dieser sollte nach Bernard durch „Anheben“ des Impulses die Behandlungsmethode effektiver machen. Das Anheben sollte bewirken, dass der ganze Impuls im sensorischen Bereich angesiedelt wird und seine Wirkung voll entfalten kann, und vermeiden, dass ein Teil des Impulses unterschwellig bleibt.

Bei langandauernden, unterschwelligen, kathodischen Reizströmen kommt es aber statt zu einer Erregbarkeitssteigerung zu einer verminderten Erregbarkeit oder im Extremfall zu einer Erregungsblockierung.

Die Na-Trägersysteme werden durch den Katelektrotonus inaktiviert und sind dann nicht mehr zu dem für die Erregung notwendigen Na-Einstrom in der Lage. Folglich wird die Wirkung der eintreffenden Impulse herabgesetzt. Deshalb rät der Autor definitiv vom Einsatz des Basisstroms ab (Abb. 4.12).

Anmerkungen zum Diadynamischen Strom

Die klinische Bedeutung von DD sollte man nicht überschätzen. Die einzelnen Modulationen haben außer ihrem jeweiligen Gleichstromanteil keine spezifischen Wirkungen. DD ist zwar eine effektive Methode, wenn es darum geht, lokal oberflächlich eine Hyperämie auszulösen und Einfluss auf die lokale Trophik zu nehmen; dies funktioniert mit einer einfachen Gleichstromanwendung aber auch.

Zusätzlich zur Gleichstromwirkung hat die Methode dennoch einen schmerzlindernden Effekt. Dies wird wegen der Aβ-Faser-Reizung über einen Gate-Control-Mechanismus erklärt, die Reizung von Aδ- und C-Fasern wird eine deszendierende und zentrale Schmerzhemmung aktivieren.

Zudem spielt die Long Term Depression wegen der Aδ-Faser-Reizung wahrscheinlich mit. Die stark hyperämisierende Wirkung wegen des großen Gleichstromanteils macht eine Capsaicin-artige Wirkung wahrscheinlich.

Allesamt Argumente für den Einsatz in entsprechenden Fällen. Als Schmerzbehandlung also bestimmt brauchbar, speziell wenn man eine neurogene Entzündung vermutet wie bei Enthesopathien und chronischen Arthritiden.