Niederfrequente Impulsstrom Therapie
Hyperämisierende Ströme

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Impulsstrom

In der Elektrotherapie ist ein Impuls ein Stromstoß, der durch Änderung der Stromstärke oder der Spannung erzeugt wird und jene Strukturen beeinflusst, die auf Erregungsbildung und Erregungsfortleitung spezialisiert sind.

Die Wirkung elektrischer Ladungen im Gewebe ist von der Geschwindigkeit abhängig, mit der eine Änderung der Stromstärke erfolgt. Bei kleiner, oder sehr langsamer Änderung erfolgt ein konstanter Ionenfluss mit entsprechenden chemischen Veränderungen im Bereich zwischen Elektroden und Gewebe (siehe Gleichstrom). An erregbaren Strukturen kommt es unter der Anode zu einer Abnahme der Erregbarkeit und unter der Kathode zu deren Steigerung.
Erfolgt die Änderung rasch und sind die Pulse lang genug, wird das Ionengleichgewicht entlang erregbarer Membranen gestört, so dass Aktionspotentiale ausgelöst werden. Die Gleichstromimpulse lösen zudem chemische Prozesse aus, die aber bei kürzeren Impulsen weniger ausgeprägt sind.
Anders formuliert: je kürzer der Impuls, desto kleiner der Ionenfluss und desto weniger chemische Veränderungen. Bei niederfrequenter Reizung hat die Kathode die stärkere Wirkung.


Stromstärke und Impulsdauer stehen bei der Auslösung eines Aktionspotentials in direkter Beziehung zueinander: Bei einer bestimmten Intensität benötigt man eine bestimmte minimale Pulsdauer damit ein Aktionspotential ausgelöst wird. Bei einer bestimmten Impulsdauer muss dazu eine bestimmte Minimalintensität überschritten werden. Die minimale Zeit, die ein Strom fließen muss, damit ein Aktionspotential ausgelöst wird, ist die "Nutzzeit ". Je höher die Amplitude (Intensität) umso kürzer die Nutzzeit. Ab etwa 0.01 ms ist aber zur Auslösung einer Muskelkontraktion die Grenze erreicht.

Die Rheobase ist die minimal benötigte Intensität, um bei einer Impulsdauer von 1000 ms an einem Muskel eine minimale Muskel-Kontraktion (Zuckung) auszulösen. Die Chronaxie ist die minimale Impulszeit, die bei einem 2-fachen Rheobasenwert eine minimale Muskel-Kontraktion auslöst.
Die Beziehung zwischen Phasendauer und Amplitude wird in der sog. I/t Kurve dargestellt. Das Erstellen von I/t Kurven ermöglicht es dem Physiotherapeuten, bei einer periphären Nervenläsion den Zustand der Muskulatur zu beurteilen und die richtigen Parameter für die Muskelstimulation zu bestimmen. Die Stimulation denervierter Muskulatur ist in der Schweiz leider nicht gerade verbreitet und wider besseren Wissens immer noch umstritten.
Unter "Muskelstimulation" findet sich eine ausführliche Beschreibung dieser Stimulation.

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Puls-Parameter

Constant Voltage, Constant Current

Die meisten modernen Elektrotherapiegeräte ermöglichen heute wahlweise einen Strom- oder Spannungskonstanten Betrieb. Im Spannungskonstanten Betrieb (englisch: constant voltage, CV) wird die Spannung (in Volt) auf dem eingestellten Niveau gehalten.
Das bedeutet dass, wenn sich der Hautwiderstand ändert, die Intensität (in mA) schwankt: genauer: Widerstand geht runter >> Intensität geht hoch.
Über Triggerpoints, Akupunkturpunkten und sonstigen Schmerzpunkten hat die Haut häufig einen verminderten elektrischen Widerstand. Gemäß dem Ohm'schen Gesetz ( U = I * R oder I = U / R) muss bei gleichbleibender Spannung und abnehmendem Widerstand die Intensiät ansteigen. Diese Eigenschaft kann man bei der Suche nach Schmerzpunkten und Triggerpunkten ausnützen.


Galvanopalpation oder Elektropalpation

Irgendwo am Körper befestigt man eine große, indifferente Anode. Die Stromstärke stellt man für die "Such-Elektrode" leicht spürbar ein. Der Stromform ist egal, am angenehmstem sind TENS Ströme, Gleichstrom tut's aber auch.
An vermuteten Schmerzpunkten fährt man mit einer kleineren Kathode (weil diese etwas stärker reizt) gleichmäßig und langsam über die Haut. Begegnet man nun einem Schmerzpunkt (Triggerpunkt, Akupunkturpunkt), wird der Patient aufgrund des (nicht immer!) verminderten Hautwiderstands und der konstanten Spannung lokal ein intensiveres Stromgefühl empfinden .
Ziel erreicht: Punkt gefunden.

Die Methode ist zwar etwas umständlich, man kann aber die auf dieser Weise gefundenen Punkten anschließend sofort weiterbehandeln

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Ein weiterer Vorteil der CV-Einstellung ist, dass man die Elektroden, vorsichtig und gleichmäßig, auf dem Patienten platzieren kann während ein Strom fließt, oder die Elektroden auch wegnehmen kann, ohne dass es zu Schmerzen oder Zuckungen kommt. Wenn die Elektrodenfläche beim Abheben kleiner wird, nimmt der Widerstand zu, entsprechend geht dann auch die Intensität runter. Dies kann praktisch sein bei Muskelstimulation wenn man mit einer kleinen Reizelektrode arbeitet.

Bei Stromkonstanten (constant current, CC) Geräten oder CC-Einstellungen funktioniert diese Methode nicht, da die Intensität (in mA) bei Widerstandschwankungen konstant gehalten wird. Bei diesen Geräten ist aber eine gleich bleibende Ladung am zu reizenden Gewebe gewährleistet. was speziell bei der Iontophorese wichtig ist. Wenn während der Iontophorese die Intensität ansteigen würde (wegen des abnehmenden Widerstandes aufgrund der Durchblutungsverbesserung), dann wäre die Gefahr einer Verätzung und einer Elektrolyse des Medikamentes größer.
Allgemein kann man also sagen: bei statischer Behandlung: constant current, bei dynamischer Behandlung: constant voltage.

Bitte die CV Einstellung am Gerät nicht mit Hochvolt-Therapie verwechseln!

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Der Impuls

Ein Impuls wird durch verschiedene Größen charakterisiert:

Die Stromstärke I
(=Amplitude des Stromes) bestimmt ob und wie stark die Reizschwelle überschritten wird. Die Stromstärke bezeichnet die Menge an transportierten Ladungsträgern Q innerhalb einer bestimmten Zeit t. I = Q/t "C" steht für Coulomb = 6.24×1018 Elektronen. Die Einheit der Stromstärke ist 1 Ampère (A) oder Milliampère (mA)
Die Anstiegs- bzw. Abfallzeit
beschreibt die Zeit, bis der Impuls seine maximale Stärke erreicht hat bzw. wieder auf Null zurückgekehrt ist. Diese sind von der Geometrie (Form) des Impulses abhängig, z.B. Dreieck-, Rechteck-, Trapez- oder Exponentialimpuls.
Die Phasendauer T
(=Impulsdauer) ist die Dauer, während der tatsächlich ein Strom fließt. Die Phasendauer bestimmt die sog. Gleichstromkomponente der Wirkung des Stromes. Je länger der Impuls bei gleicher Frequenz, desto größer ist der Ionenstrom und damit die Belastung des Gewebes.Einheit: s, ms oder µs.
Der Phasenintervall R
(=Pausendauer) zwischen den Impulsen bestimmt mit der Phasendauer die Impulsfrequenz, also die Anzahl der Impulse pro Sekunde. Phasendauer und Phasenintervall bilden zusammen die Dauer des eigentlichen Impulses (Periodendauer). Einheit: s, ms oder µs.
Die Frequenz f
ist definiert als die Anzahl der Impulse pro Sekunde oder dem Kehrwert der Periodendauer f=1/(T+R). Die Einheit der Frequenz ist 1 Hertz (1 Hz = 1/s).
Der sog. Gleichstromanteil
(früher galvanische Komponente) der physiologischen Wirkung eines Impulses bestimmt die hyperämisierende Wirkung eines Impulsstromes. Man sollte den Gleichstromanteil der Stromwirkung nicht mit dem (in der Elektrotherapie nicht weiter relevanten) Gleichstromanteil des Stromes verwechseln, wenn ein Gleichstrom einem Wechselstrom überlagert wird. (wen's interessiert, dem sei ein Buch für Elektro-Ingenieure wärmstens empfohlen ;-)

Diverse Impulsformen

Pulsparameter
Pulsparameter
Monophasischer Rechteck- und Dreieckimpuls
Monophasischer Rechteck- und Dreieckimpuls
Biphasische symmetrisch kompensierte Rechteckimpulse
Biphasische symmetrisch kompensierte Rechteckimpulse
Biphasische asymmetrisch kompensierte Rechteckimpulse
Biphasische asymmetrisch kompensierte Rechteckimpulse
Klassischer Sinus
Klassischer Sinus
biphasisch symmetrisch kompensiert
Gleichgerichteter Sinus
Gleichgerichteter Sinus
monophasisch, nichtkompensiert

Amplitude, Anstiegs- und Abfallzeit sowie Impulsdauer bestimmen die Ladungsmenge, die bewegt wird.

Die Stromstoßfolgen können bezüglich Amplitude, Frequenz und Polarität moduliert werden.
Haben alle Impulse die gleiche Polarität, bezeichnet man sie als monophasisch. Bei Ströme mit dieser Impulsform fließt ein Ionenstrom, die Impulse werden deshalb als nicht-kompensiert bezeichnet. Beispiele: Ultrareizstrom nach träbert und Diadynamischer Strom nach Bernard.

Wenn die Polarität wechselt, spricht man von biphasischen Impulsen. Diese können so geformt sein, dass der beim positiven Anteil des Impulses aufgetretenen Ionenstrom sofort durch den darauf folgenden negativen Impulsteil ausgeglichen wird. Hierdurch ist der Netto-Ionenstrom gleich Null. Die Impulse sind kompensiert.

Die Kompensation kann symmetrisch oder asymmetrisch erfolgen. Bei symmetrischer Kompensation sehen die positiven Impulsteile gleich wie die negativen aus. Bei asymmetrischer Kompensation weicht die Form des kompensierenden Impulsteils vom vorhergehenden ab. Ob dies die Wirkung wesentlich beeinflusst, ist unklar. Theoretisch kann ein symmetrisch kompensierter Impuls als "Doppelimpuls" betrachtet werden. Solche symmetrisch kompensierte Rechteckeckimpulse lösen bei der Muskelstimulation jedenfalls die kräftigste Kontraktionen aus (bei gleicher Intensitä).


Die Dosierung der Impulsströme lässt sich wie folgt einteilen:

Sensibel unterschwellig
= subsensorisch: keine Sensationen spürbar
Sensibel schwellig
= sensorisch: Sensationen sind spürbar
Motorisch schwellig
es wird eine Muskelkontraktion ausgelöst
Toleranzgrenze
kräftige, noch gerade nicht schmerzhafte Kontraktion
Schmerzschwelle

In pathologischen Fällen kann sich die Reihenfolge ändern.

Bei den motorischen Kriterien unterscheidet man:

Motorisch unterschwellig
Keine Kontraktion sichtbar
Motorisch schwellig
Gerade sichtbare Kontraktion ("Wogen")
Motorisch überschwellig
Deutliche wellenförmige Kontraktionen ("Walken")

Das "Walken" bezieht sich hier nicht auf die Mode-Erscheinung "Gehen nach Vikinger-Art mit zwei Stöcken".


Der Niederfrequenz-Bereich (NF) ist definiert als der Frequenzereich zwischen 0 und 1000 Hz.
Hier gilt das Prinzip der perioden-synchronen (= Zyklus-synchronen-) Reizung. Das bedeutet, dass jeder Impuls, sofern Phasendauer und Amplitude ausreichen, eine Erregung (ein Aktionspotential) auslöst. Dabei werden die Aktionspotentiale im gleichen Rhythmus wie die Frequenz des Stromes ausgelöst.
Zur sog. klassischen NF gehören die uralte Faradisation, ein Wechselstrom mit ungleichmäßigen Frequenzen zwischen 50 Hz und 100 Hz, welche ende 19. Jahrhunderts bei der Muskelstimulation zum Einsatz kam. Die Frequenz schwankte wegen der damals mangelnden technischen Ausrüstung und wurde in den 1950ern durch die "Neofaradisation", einem Wechselstrom mit gleichmässiger 50Hz-Frequenz abgelöst (Phasendauer = 1ms, Phasenintervall = 19ms). Heute stehen uns zur Auslösung einer Muskelkontraktion bedeutend angenehmere Stromformen zur Verfügung.
Weitere Klassiker sind die Diadynamischen Ströme nach Bernard und der Ultrareizstrom nach Träbert. Diese beide Stromforme führen - richtig eingesetzt und ausgeführt - immer wieder zu guten Resulaten.

Auf die letzteren beiden Stromformen werde ich im Nachfolgenden eingehen.

Zum besseren Verständnis der Wirkungsmechanismen von hyperämisierenden Stromformen verweise ich auf meine Auführungen zum Thema neurogene Entzündung" (unter Gleichstrom)

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Die verschiedenen Nervenfasertypen sind aufgrund ihrer unterschiedlicher Reizbarkeit mit bestimmten Phasendauern teilweise spezifisch reizbar. Dies macht man sich unter Anderem beim Einsatz der TENS-Anwendungen zu Nutze. Ganz kurze Impulse, bis etwa 100 µs, reizen die empfindlichsten, schnellleitenden Nervenfasern vom Typ Aβ ohne die Aδ- und C-Fasern zu reizen. Etwas längere Impulse, 100 µs bis etwa 300 µs, werden zur Stimulation von Aδ-Fasern verwendet (und reizen gleichzeitig Aα- und Aβ-Fasern).
Die C-Fasern werden mit Phasendauern ab etwa 500 µs bis 1 ms gereizt. Selbstverständlich werden mit längeren Phasendauern auch die schnellerleitenden Aα-, Aβ und Aδ-Fasern mitstimuliert.

Hierbei ist zu beachten, dass wenn eine Entzündung vorliegt die Nervenfasern durch die Entzündungsmediatoren sensibiliert werden. Dies führt dazu, dass die Fasern bereits bei sehr niedrigen Dosen reagieren können.

ITKurve Nerven
I/t Kurven unterschiedlicher Nerventypen

Ultrareiz Strom nach Träbert (2-5 Strom)

Im Jahre 1957 publizierte der Arzt H. Träbert seine Erfahrungen mit einem Stromform mit 2 ms Phasendauer und 5 ms Phasenintervall. Damit ergab sich eine Frequenz von etwa 143 Hz (F=1000/R+T = 1000/2+5 = 1000/7 = 143Hz).
Wegen seines massierenden Effektes wird der Strom manchmal auch als "Reizstrommassage" bezeichnet (Koeppen 1968). Der Strom ist als schmerzlindernde Maßnahme in gewissen Fällen sehr effektiv und die Parameter lassen sich an den meisten Elektrotherapiegeräten bequem einstellen, deshalb wurde die Methode recht bekannt.

Diese Stromform hat, verglichen mit den im Nachfolgenden besprochenen DD-Strömen, einen erheblich geringeren Gleichstromanteil, wodurch die Verätzungsgefahr deutlich kleiner ist.
Aus dem gleichen Grund würde man ein weniger ausgepägtes Erythem erwarten. Der Strom ist aber deutlich angenehmer als DD und man kann deshalb viel höher dosieren. Bei lumbaler Anwendung sind Dosen bis 70-80 mA bei Elektrodengrößen von 8 x 12 cm keine Seltenheit!
Aus diesem Grund kommt es bei einer UR-Anwendung trotz des geringen Gleichstromanteils normalerweise zu einer starken Erythembildung.

Wegen der relativ hohen, konstanten Frequenz tritt sehr rasch eine Gewöhnung ein. Deshalb muss die Intensität während der Behandlung immer nachgeregelt werden.
Der Patient soll ein deutliches Druckgefühl wahrnehmen, ein eventuelles leichtes Muskelanspannen ("Wogen") ist wegen der detonisierenden Wirkung erwünscht.
Möglicherweise werden hierdurch zusätzlich tiefe Aδ-Fasern gereizt und tritt eine mit Low TENS vergleichbare Wirkung auf.

Als Variante des UR nach Träbert gibt es den modifizierten UR mit unipolaren rechteckimpulsen von 0.5 ms Phasendauer und 5 ms Phasenintervall (Frequenz 182 Hz). Die kürzere Impulsen reizen die Schmerzfasern der Haut noch weniger, und werden als angenehmer empfunden. Die Hyperämie, und damit der Einfluss auf einber NE, ist wegen der deutlich kürzeren Phasendauer entsprechend weniger stark ausgeprägt.

Ultrareiz
Der Ultrareizstrom nach Träbert: 2ms Phasendauer, 5 ms Intervall

der mildere Ultrareiz: 0.5 ms Phase, 5 ms Intervall
Elektroden Lage 1 bis/mit 4 von Träbert
Träbert hat 4 spezifische Elektrodenlagen beschrieben : EL1 bis EL4

Bei der Ausführung ist folgendes zu beachten.

Vorher bestehende Schmerzen sind häufig schlagartig verschwunden. Die Schmerzlinderung kann einige Stunden anhalten, später können die Schmerzen, allerdings abgeschwächt, wieder zurückkehren ("Ersteffekt", long term depression? Siehe "Schmerzhemmung").

Aus dieser Beschreibung wird klar, dass die Information am Patienten bzw. seine Rückmeldung von größter Bedeutung für eine erfolgreiche Behandlung ist.

Die Behandlung ist f�r ängstliche Patienten, oder Patienten mit Kommunikationsproblemen nicht geeignet.
Auch ist klar, dass der Therapeut beim Patienten bleiben muss um den Strom dauernd hoch zu regeln. Geeignete Patienten kann man mit der Zeit instruieren dies selbst zu machen.
Die Schmerzlinderung wird über die Gate-Control-Theorie erklärt, zudem spielt die long term depression (Sandkühler) wahrscheinlich mit.
Wegen der relativ starken Erythembildung ist, wie bei DD-Strom, eine Wirkung über den TRPV1-Rezeptoren durchaus plausibel.


Meine Meinung zum Ultrareiz Strom

Ultrareiz ist genaugenommen eine TENS-Anwendung, und zwar eine monophasische Variante der High Frequency (144 Hz) High Intensity-TENS (Hifi-TENS). Man hat eine sehr gute Wirkung bei akuten lumbalen Schmerzen und interessanterweise bei Arthroseschmerzen am Knie festgestellt (neurogene Entzündung? Neuropeptidausschüttung und Interaktion mit Interleukin oder TNFα? C-Faser-Zerstörung?). Zudem, wie bei DD, wahrscheinlich eine Desensibilisierung der beteilgten Nervenfasern, der Gleichstromanteil beträgt bei UR etwa 30%.
Der Einsatz lohnt sich wirklich nur dann, wenn man mit dem Patienten gut kommunizieren kann. Wenn's nur kribbelt, oder wenn der Patient sagt: "Jaja, ist schon gut..." : vergiss es...

Anmerkung: Es gibt zur Ultrareiz-Anwendung keine spezifische wissenschaftliche Studien. Die Wirkung der Anwendung wird aber durch Untersuchungen über TENS-Anwendungen bestätigt.

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Diadynamische Ströme nach Bernard

In 1950 publizierte der französische Zahnarzt P. D. Bernard eine Arbeit über die von ihm eher zufällig gefundenen Wirkungen von verschiedenen Variationen eines gleichgerichteten 50 Hz-Wechselstromes.
Die Gleichrichtung bewirkt, dass nur die Hälfte des obengezeigten Sinusförmigen Stroms fließ, wodurch ein Strom von Sinushalbwellen entsteht. Die Anstiegs- und Abfallzeit dieser Halbwellen beträgt je 5 ms, woraus eine Impulsdauer von 10 ms resultiert.
Die Pause nach einer sochen Halbwelle beträgt ebenfalls 10 ms (Periodendauer = 20 ms).

Diese relativ langen Impulse haben einen recht großen Gleichstrom-Anteil, deshalb sollte man alle Maßnahmen zur Vermeidung von Verätzungen beachten. Diesem Gleichstrom-Anteil verdankt der Strom aber seine sehr ausgeprägte durchblutungsfördernde Wirkung.
Der Gleichstromanteil beträgt im Vergleich zu einem "normalen" Gleichstrom etwa 70% beim DF und etwa 35 % beim MF. (Mittelwert des Stromes = Maximalwert ÷ √2)

Zusätzlich zu den Impulsströmen setzte Bernard einen sensibel unterschwellig dosierten galvanischen "Basisstrom" ein, welcher die Effektivität der Impulsen erhöhen sollte. Daher auch der Name: dia-dynamisch.

Bernard unterschied folgende Stromformen:

Monophasé fixe
(MF) : 50 Hz, auf einen 10 ms Puls folgt eine 10 ms Pause
Diphasé fixe
(DF) : 100 Hz, die 10 ms Impulse laufen ununterbrochen
Modulé en courtes périodes
(CP): es wechseln sich 1 s 50 Hz (MF) und 1 s 100 Hz (DF) abrupt ab
Modulé en longues périodes
(LP): wie bei der CP wechseln sich MF und DF ab, jetzt aber in längeren Perioden und einschleichend (10 s DF und 5 s MF)
Modulé en moyenne Periodes
(MP): wie LP, aber mit 5 s DF und 5 s MF, findet sich an moderneren Geräten nicht mehr
Rhythme syncopé50
(RS50): nach 1 s MF folgt 1 s Pause
Rhythme syncopé100
(RS100) : nach 1 s DF folgt 1 s Pause,findet sich an moderneren Geräten nicht mehr
Der Basisstrom
Gerade spürbarer Gleichstrom, welcher den Impulsen unterlagert werden kann, damit diese Impulse vollständig in den sensiblen Bereich angegehoben werden.

Diadynamisch

Bernard gibt solche Behandlungsvorschläge für eine Vielzahl Pathologien. Ehrlichkeitshalber möchte ich erwähnen, dass die Vorschriften gar nicht schlecht sind, und so wurde zum Beispiel seine Methode eine Herpes Zoster (Gürtelrose) zu behandeln, sehr lange mit Erfolg eingesetzt (siehe dazu auch der Abschnitt über den Axonreflex und die neurogene Entzündung, und die CFS). Wegen der modernen (und billigeren!) medikamentösen Möglichkeiten ist die Methode aber ziemlich in Vergessenheit geraten.

Die behandlung des Herpes Zoster mit DD-Strom nach Benard

Nur für den Fall...
Die Behandlung sollte so früh wie möglich begonnen werden, am besten noch bevor die Bläschen richtig ausbrechen.

Bernard behandelte ursprünglich nur mit CP, ohne Vorbereitung mit DF. Die Patienten empfinden diese Vorbereitung aber häufig als sehr angenehm.
Bei größeren Hautdefekten werden die Elektroden direkt auf die Bläschen aufgesetzt.
In der Regel verschwinden die Bläschen sehr rasch (innert Tage) und speziell die gefürchtete hartnäckige postherpetische Neuralgie tritt - angeblich - viel weniger auf.

Bernard erklärte die Wirkung dieser Anwendung mit der durch den Strom verbesserte Trophik, es ist aber auch eine mit der Cutaneous Field Stimulation vergleichbaren Wirkung denkbar.

Bernard hat seinen Stromformen unterschiedliche Wirkungen zugeschrieben und entsprechende Behandlungsvorschriften ausgearbeitet.
Es gibt kein Grund zur Annahme, dass diese Wirkungen tatsächlich auftreten, die verschiedene Modulationen unterscheiden sich nur in ihrem Gleichstromanteil.

Heute wird die CP, völlig unzurecht, immer noch gerne bei Schwellungen und Ergüssen eingesetzt, eventuell nach einer Vorbehandlung mit DF.
DF ist aber wegen seines größeren Gleichstromanteils stärker hyperämisierend, die angebliche "Pumpwirkung" des CPs tritt nur auf wenn CP motorisch dosiert wird, und ist dennoch deutlich weniger ausgeprägt und bestimmt viel unangenehmer als eine Schwellstrom-Anwendung.

Der Ablauf DF-LP-CP kann zur Schmerzlinderung eingesetzt werden. Hier ist aber TENS mit Sicherheit angenehmer und weniger riskant. Wenn es aber darum geht, gleichzeitig auf eine neurogene Entzündung und auf Schmerzen Einfluss zu nehmen, ist diese Methode nicht übel. Ich beschreibe die Methode hier lediglich, weil in der Schweiz noch relativ viel alte DD-Strom-Geräte herumstehen.

DF-LP-CP

Anstelle der von Bernard und seinen Nachfolgern beschriebenen Rezepten wird heute zur Schmerzbehandlung manchmal folgende, relativ effektive Dosierungsmethode eingesetzt.

Als erste, weil mildeste Stromform wird bei der Schmerzbehandlung der DF eingesetzt. Das Hochdrehen erfolgt, bis der Patient ein Vibrieren ("Surren") wahrnimmt (also eine Reizung von Motorezeptoren, Siehe unter Schmerzhemmung "Gate-Control-Theorie").
Wenn sich der Patient an den Strom gewöhnt hat, also wenn eine Adaptation auftritt, dreht man den Strom runter, und schaltet den etwas weniger milden LP ein. Dann wird wieder aufgedreht bis ein wechselndes Vibrationsgefühl auftritt.
Wenn sich auch hier nach einiger Zeit das Stromgefühl ändert, wird als intensivste Stromform die CP benützt. Die Anwendung dauert etwa 15 Minuten.
Die MF und RS sind für Schmerzbehandlungen eindeutig zu unangenehm. Falls bei der DF sehr rasch eine Adaptation auftritt, kann man, statt gleich zur LP zu wechseln, zuerst die Amplitude für den DF leicht erhöhen bis das Vibrationsgefühl wieder auftritt.

Ziel dieser Methode ist es, die Adaptation der Rezeptoren zu verhindern ohne die Intensität, wie bei Ultrareiz, allzu stark erhöhen zu müssen. Die Schmerzlinderung lässt sich mit der Gate-Control-Theorie erklären.
Die lange Impulsen stimulieren außerdem Aδasern und k�nnen eine segmentale Long Term Depression auslösen (Sandk�üler). F�r eine β-Endorphin-Ausschüttung dauert die Anwendung zu kurz. Zudem �üman möglicherweise einen hemmenden Einfluss aus auf neurogene Entz�ndungen �ber eine Desensibilisierung und reversiblen Zerstörung der beteiligten Nerventerminalen.
Siehe dazu den Abschnitt über den Axonreflex unter "Gleichstrom".

In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass Bernard in seiner Aufzählung von Behandlungsvorschläge einige Diagnosen erwähnt, bei denen manche Autoren heute eine neurogene Entzündung im Hintergrund vermuten (Herbert, 2002): Neuralgien, PHS, Epikondylitis u.Ä.


Basisstrom
Der Basisstrom (rot)

Ein großer Kritikpunkt betrifft den Einsatz des Basisstromes.
Dieser sollte nach Bernard durch "Anheben" des Impulses die Behandlungsmethode eigentlich effektiver machen. Das Anheben sollte bewirken, dass der ganze Impuls seine Wirkung entfalten kann, und vermeiden, dass ein Teil des Impulses unterschwellig bleibt.
Bei langandauernden, unterschwelligen, kathodischen Reizströmen kommt es aber statt zu einer Erregbarkeitssteigerung zu einer verminderten Erregbarkeit oder im Extremfall zu einer Erregungsblockierung. Die Na-Trägersysteme werden durch den Katelektrotonus inaktiviert und sind dann nicht mehr zu dem für die Erregung notwendigen Na-Einstrom in der Lage.
Folglich wird die Wirkung der eintreffenden Impulse herabgesetzt.
Deshalb rate ich vom Einsatz des Basisstromes ab.


Meine Meinung zum Diadynamischen Strom

Die klinische Bedeutung von DD sollte man bitte nicht überschätzen. Die Anwendung hat vor Allem eine historische Bedeutung. Die einzelne Modulationen haben außer ihrem jeweiligen Gleichstromanteil keine spezifische Wirkungen. DD ist zwar eine effektive Methode wenn es darum geht lokal oberflächlich die Durchblutung zu verbessern und Einfluss auf die lokale Trophik zu nehmen, dies funktioniert mit einer normalen Gleichstrom-Anwendung aber auch.
Die Schmerzlinderung wird wegen der Aβ-Faser-Reizung über die Gate-Control-Theorie erklärt, zudem spielt die Long Term Depression wegen der Aδ-Faser-Reizung wahrscheinlich mit. Die Aδ-Faser-Reizung wird außerdem enkephalinerg den C-Faser-Input hemmen.

Einsatzgebiet: postraumatische Zustände wie Zerrungen und Prellungen (es lebe der Sport!), Enthesopathien, Postoperative Zustände.
Als Schmerzbehandlung brauchbar, speziell wenn man eine neurogene Entzündung vermutet, sonst aber nur wenn keine andere Methode zur Verfügung steht. Und das kann in der Schweiz schon mal vorkommen.
TENS ist hier eindeutig besser.
Dosierung zur Erythembildung bei Behandlung einer neurogenen Entzündung: DF, halber sensorischer Schwellenwert während 25-30 Minuten.

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Eine ausführliche Literaturliste findet sich am Schluß des Kapitels über TENS


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